Unsere Tourismus-Revolution mit „Walkie-Talkie“ in den Dünen!

Den Wind der Sahara in den Haaren, wandernd, im Zelt, am Lagerfeuer: Acht Tage lang tüftelten in Marokko 33 Tourismus-Fachleute aus 15 Ländern – großteils Weltweitwandern-Partner und -Guides – an der Zukunft des nachhaltigen Reisens.

Hier der Link zu einem kurzen Film über den Workshop in Marokko: https://www.youtube.com/watch?v=UVuxve32UCk – SEHR SEHENSWERT!

Die weiteste Anreise hatten Dhiran Warnakulasuriva aus Sri Lanka sowie Altanbagana Deleg und Tsolmon Baseei aus der Mongolei hinter sich. Vertreten waren außerdem der Iran und Kirgistan, Tadschikistan und die Azoren, Jordanien und Albanien. Und vier Weltreligionen. Weltweitwandern-Gründer Christian Hlade hatte jahrelang davon geträumt: Für einen Workshop in Marokkos Wüste Partner und Guides von rund um den Globus zusammenzubringen, um sich über aktuelle Fragen des nachhaltigen Tourismus auszutauschen.

Klimawandel, Sicherheit und Tabu-Themen

Anfang März endlich brach die Gruppe von Marrakesch aus in die Sahara auf. Arbeitsgruppen im Gemeinschaftszelt und Gespräche beim Wandern durch die Dünen wechselten einander ab. „‘Walkie-Talkie‘ wurde für uns zum geflügelten Begriff für den Gedankenaustausch im Gehen“, erzählt WWW-Marketingleiterin Nina Kraxner. Die Fragen, die die Fachleute tagtäglich beschäftigt: Was sind die Bedürfnisse einer zunehmend gesundheitsbewussten und tendenziell älter werdenden Kundengruppe? Wie können wir dem gesteigerten Wunsch nach Sicherheit nachkommen? Wie gehen wir mit interkulturellen Herausforderunge und Tabu-Themen um? Und wie mit den Auswirkungen des Klimawandels, verbraucht doch der konventionelle Tourismus enorme Mengen an Wasser und Energie?

Moderiert hat den Workshop Margit Leuthold, ehemalige Leiterin von respect – Institut für integrativen Tourismus und Entwicklung in Wien. „Wir wollen eine Revolution im Tourismus“, sagt WWW-Chef Christian Hlade: „Bei Weltweitwandern geht es nicht darum, als Europäer/innen den Leuten im Süden zu zeigen, ‚wie es geht‘, sondern wir lernen voneinander und miteinander.“

Anfang März endlich brach die Gruppe von Marrakesch aus in die Sahara auf. Arbeitsgruppen im Gemeinschaftszelt und Gespräche beim Wandern durch die Dünen wechselten einander ab.

Staatspreis für Tourismus und Trigos

Der Workshop in der Wüste war ein weiterer Meilenstein im Empowerment-Programm von Weltweitwandern. Der Grazer Reiseveranstalter betreibt dieses schon seit 2006. Hunderte WWW-Guides, Köchinnen, Köche und Träger haben seither in ihren Heimatländern und in Europa Deutschkurse und Trainings durchlaufen. Rund 50 Partner/innen & Guides haben auf Einladung von Weltweitwandern teils mehrere Monate lang Österreich, Deutschland und andere WWW-Reiseländer kennengelernt. Seit 2012 organisiert Weltweitwandern teils mehrtägige Partnerstammtische im Rahmen der ITB-Berlin, der führenden Tourismus-Fachmesse. Dank dieser Initiativen erhielt Weltweitwandern bereits dreimal den „Trigos“, Österreichs wichtigste Auszeichnung für Unternehmen, die sozial verantwortlich handeln, und sogar den österreichischen „Staatspreis für Tourismus“.

Guides tauschen die Rolle und werden zu Reisegästen

2006 lud Weltweitwandern erstmals Guides zu sich nach Österreich ein. Wesentlicher Teil aller „Crossing Cultures“-Aufenthalte ist immer ein Deutschkurs. Zusätzlich absolvierten die Besucherinnen und Besucher aus Ladakh oder der Mongolei einmal Praktika in Alpenvereinshütten, dann wieder gingen sie bei der Reise „Wandern & Jodeln“ mit. So schlüpfen jene, die sonst immer Gastgeberinnen und Gastgeber sind, selbst einmal in die Rolle von Gästen. „Außerdem“, sagt WWW-Chef Christian Hlade, „sollen sie zwischen den Kulturen vermitteln. Das können sie aber nur, wenn sie beide Seiten kennen.“ So staunten manche der Guides darüber, wie wichtig Mülltrennung oder auch klare Zeitpläne und Pünktlichkeit hierzulande sind – und können sich seither besser auf die westliche Uhrenverliebtheit einstellen.

2006 lud Weltweitwandern erstmals Guides zu sich nach Österreich ein. Wesentlicher Teil aller „Crossing Cultures“-Aufenthalte ist immer ein Deutschkurs.

Reisekunden werden zu Reiseleiterinnen

Mehr und mehr konnten sich an diesem Austausch auch interessierte WWW-Reisegäste beteiligen: Bei Wanderwochenenden oder Begegnungsabenden können sie die Guides aus ihren Traumreiseländern kennenlernen und sich mit anderen Wanderern austauschen. „Und zunehmend“, sagt Christian Hlade, „betätigten sich unsere Gäste auch selbst als Reiseführer.“ Ehemalige Reisegäste zeigen dann „ihrem Guide“ aus Nepal oder Peru die Wiener Innenstadt und schöne Bergtouren in den Alpen. Auf diese Art hat etwa Sonam aus Nepal den Dachstein bestiegen. „Nicht nur Reisen buchen, sondern selber aktiv werden“, freut sich Hlade, „das ist Reisen 2.0 – Tourismus in beide Richtungen!“

hemalige Reisegäste zeigen dann „ihrem Guide“ aus Nepal oder Peru die Wiener Innenstadt und schöne Bergtouren in den Alpen. Auf diese Art hat etwa Sonam aus Nepal den Dachstein bestiegen.

Kulturaustausch zwischen den Kontinenten

Verstärkt wurde auch der Erfahrungsaustausch zwischen den Guides: So gab Nepal-Partner Sudama, der eine dreimonatige Guide-Ausbildung in Österreich absolviert hatte, sein Wissen danach in Ulaan Baator an seine mongolischen Kolleginnen und Kollegen weiter – und in Ladakh an die indischen. Später kamen die wechselseitigen Tourenbegleitungen auf anderen Kontinenten dazu. So sind nun seit vielen Jahren Weltweitwandern-Gäste dabei, wenn georgische auf Himalaya-Kultur trifft. Oder wenn ein Wüstenkenner aus Marokko erstmals in die Kultur der tibetischen Mönche im Himalaya eintaucht.

„Austria, Germany, Switzerland – and Morocco?“ Der ladakhische Polizeibedienstete kratzte sich am Kopf. Besuch aus Marokko war hier zuvor noch nicht vorbeigekommen. Weltweitwandern-Partner Lahoucine war der erste Marokkaner, der diesen Check-Post an der Grenze zu Tibet passierte. Gemeinsam mit 13 anderen Weltweitwandern-Gästen aus Österreich und Deutschland startete er dort eine mehrtägige Trekkingtour durch den Himalaya.

Überrascht war Lahoucine darüber, welch ähnliche Themen seinen Gastgeber Tashi und ihn beschäftigten. Abends im Küchenzelt redeten die beiden viel darüber, wie sie die Reisen noch besser machen könnten. Wie man ein Essen im Freien schön gestaltet und warum die Gäste gern um ein Feuer sitzen. Brauchen sie Wanderkarten? Ja, meinte Lahoucine – „für Westler sind Karten sehr wichtig. Sie wollen jeden Tag schauen, wo wir sind.“

Als Lahoucine abreiste, waren die beiden Freunde geworden, und jeder nahm Ideen für seine eigenen Touren mit. Tashi achtet seither noch mehr auf regionales Essen. Lahoucine hat die Räucherstäbchen im Klozelt übernommen. Ein Jahr später begleitete Tashi Lahoucine in die Wüste: „Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wie ein echter Tourist, in einem Land mit ganz anderen Sitten und ohne die Sprache zu kennen.“ Eine wichtige Erfahrung, um sich in die Gäste hineinversetzen zu können.

„Austria, Germany, Switzerland – and Morocco?“ Der ladakhische Polizeibedienstete kratzte sich am Kopf. Besuch aus Marokko war hier zuvor noch nicht vorbeigekommen. Weltweitwandern-Partner Lahoucine war der erste Marokkaner, der diesen Check-Post an der Grenze zu Tibet passierte.

Nach Hause mit neuen Plänen

Und der jüngste Workshop in der Sahara? Harald A. Friedl, Professor für angewandte Tourismuswissenschaften an der FH Joanneum, fasst es so zusammen: „Draußen miese Stimmung – Trumpismus, Brexit, Orbans, Syrien, Klimawandel. Und dann das: 33 Menschen aus 15 Nationen und vier Religionen ziehen durch die Wüste und verstehen sich gut.“

33 Menschen aus 15 Nationen und vier Religionen ziehen durch die Wüste und verstehen sich gut.“

Beeindruckt waren alle davon, wie perfekt Marokko-Partner Lahoucine Taha und sein Gastgeber-Team in Marrakesch die Reise organisiert hatten. Zur Sprache kamen auch heikle Themen und konkrete Pläne entstanden. Bei der Ausbildung der Guides will man künftig stärker über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten. Austauschreisen und Aufenthalte bei Reisegästen sollen noch wichtiger werden. Um den ökologischen Fußabdruck zu verringern, will Weltweitwandern neue Wege der CO2-Kompensation beschreiten. Und dem Sicherheitsbedürfnis der Gäste will das Unternehmen noch stärker entgegenkommen, indem die einzelnen Reiseländer ihre Notfallpläne verbessern.

Sicher ist, dass es weitere Workshops geben wird. „Wir werden unser globales touristisches Wissen noch besser vernetzen“, sagt WWW-Chef Christian Hlade.

Bei alledem wurde auch noch viel gelacht, Freundschaften sind entstanden. „In meinen über 30 Jahren Moderationserfahrung habe ich noch keine so große Gruppe so unterschiedlicher Menschen erlebt, die miteinander so neugierig, interessiert und respektvoll kommuniziert hat“, sagte Moderatorin Margit Leuthold. Abends ist die Gruppe ums Lagerfeuer gesessen, hat zusammen musiziert, gesungen und in die Sterne geschaut – nirgendwo leuchten sie so wie in einer Wüstennacht. „You made me so happy“, sagte Christian Hlade, als das letzte Treffen im großen Zelt zu Ende ging.

Eine Tourismus – Revolution zwischen den Dünen startete Weltweitwandern im März 2017 in Marokko

Tipp: Auf der Website http://www.weltweitwandernwirkt.org lassen sich unter dem Stichwort „Empowerment“ viele inspirierende Beispiele über „Tourismus in beide Richtungen“ finden. Dieser gemeinnützige Verein ist im Juni 2015 aus den vielen Hilfsprojekten, die der Reiseveranstalter Weltweitwandern seit seiner Gründung im Jahr 2000 initiierte und unterstützte, hervorgegangen. Den Anstoß zur Vereinsgründung gab die Erdbebenhilfe von WWW für Nepal im Jahr 2015.

Porträt Christian Hlade

Geboren 1964, Dipl.-Ing f. Architektur; verheiratet und drei Kinder; Gründung von Weltweitwandern im Jahr 2000. Weltweitwandern zählt heute  – mit 230 angebotenen Reisen in 84 Ländern zu den führenden Reiseveranstaltern für weltweite Wanderreisen. »Weltweitwandern Wirkt!«, ein eigener von der Firma betriebener Sozialverein, initiiert und unterstützt weltweit Bildungsprojekte. Infos: www.weltweitwandern.com / www.weltweitwandernwirkt.org

MUST SEE: Hier der Link zu einem kurzen Film über den Workshop in Marokko: https://www.youtube.com/watch?v=UVuxve32UCk

Textbearbeitung durch Gerlinde Pölsler – Herzlichen Dank!

WWW-Boss Christian Hlade erkundet mit Mongolei-Partner Tsolmon die um gebung von Marrakech in Marokko

 

 

 

 


 

Veröffentlicht unter Allgemein, Crossing Cultures / Empowerment, Marokko | Hinterlasse einen Kommentar

Reisen ist Freude!

Nachhaltiger Ferntourismus im Spannungsfeld zwischen Reisefreude, Klimawandel und lokaler Wertschöpfung.

Bei all den Diskussionen über Nachhaltigkeit, CO2-Bilanzen, CSR-Strategien und -Zertifizierungen im Tourismus kommt mir manchmal die Freude für das Reisen selbst abhanden – auch wenn diese Diskussionen total wichtig sind. Für mich war niemals die Nachhaltigkeit allein Antrieb und persönliche Vision, um meine Firma zu gründen, um zu reisen. Mein inneres Feuer war und wird genährt von der Freude darüber, dass Reisen und Wandern einfach geniale Methoden sind, um den Panzer der Alltagsgewohnheiten abzulegen, um achtsamer und aufmerksamer zu werden. Durch die Reise an einen anderen Ort, in eine fremde Landschaft und andere Kultur komme ich in ein ganz anderes „Energiefeld“. Es sind tausende Kleinigkeiten, die in einem anderen Land anders sind, und die auch mich selbst anders werden lassen; die ganz neue Facetten meiner Persönlichkeit zum Vorschein bringen. Wenn ich in der Fremde auch noch in die andere Sprache eintauche, englisch oder spanisch spreche, erlebe ich häufig ganz andere Stimmungen und Gespräche, als wenn ich mich in Deutsch ausdrücke.

Mit der Distanz zu Österreich, nehme ich auch meine eigene Heimat klarer und ungetrübter wahr. Ich erkenne Zusammenhänge aus der Ferne besser. Es mag verwunderlich klingen, aber durch das Reisen sind meine Heimatliebe und meine Heimatverbundenheit gestiegen. Ich fühle mich stärker als Österreicher und als Europäer. Bei gleichzeitig stärkerer Verbundenheit mit anderen Kulturen. Ich bin Österreicher UND Weltbürger zugleich. Heimatliebe und Weltoffenheit ist für mich kein Widerspruch.

Genauso wenig darf Nachhaltigkeit und die Freude am Reisen in ferne Länder ein Gegensatz sein. Aus Umweltschutzgründen immer nur im nahen Umfeld zu verweilen ist keine Lösung. Mich würde das eng und weniger offen machen. Gerade durch Reiseerfahrungen wurde ich – und werden viele andere – motiviert, sich für den Schutz bedrohter Landschaften, Kulturen und für Bildung, Toleranz und Offenheit einzusetzen.

Gut gemachter Tourismus schafft direkte Wertschöpfung vor Ort und ermöglicht eine positive wirtschaftliche Entwicklung, vor allem in strukturschwachen Regionen, die durch andere Wirtschaftszweige nicht entstehen würde.

Gut gemachter Tourismus schafft direkte Wertschöpfung vor Ort und ermöglicht eine positive wirtschaftliche Entwicklung, vor allem in strukturschwachen Regionen, die durch andere Wirtschaftszweige nicht entstehen würde. Dadurch enstehen Bildung und Arbeitsplätze.

Mein persönliches Ziel als Reiseunternehmen und Reisender ist es, meine eigenen Erfahrungen von echten Begegnungen mit anderen Kulturen weiterzugeben und auch anderen Menschen diesen Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen, und meine Begeisterung für die Natur und für wunderschöne andere Länder zu teilen. Diese respektvolle Neugier, die Möglichkeit des Voneinander-Lernens, die wechselseitige Inspiration, die spezielle Energie des Reisens, das sind meine Triebfedern – das ist mein Feuer, das mich antreibt. „Nachhaltigkeit“, „Enkeltauglichkeit“ – so extrem wichtig ich das alles finde – liegen als Basisfaktoren dahinter.

Heuer ist ja das UN-Jahr für „Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“.
Dieses Jahr möchte ich zum Anlaß nehmen noch viel über Nachhaltigkeit, Reisen und die unterschiedlichen Motive und Aspekte nachzudenken, mich auszutauschen und dazuzulernen.

Ich freu mich auf Deine Meinung zum Thema!


 

Veröffentlicht unter Allgemein | 4 Kommentare

Indien schafft das Bargeld ab: Ein irrer Feldversuch mit einer Milliarde Menschen!?

Bei unserer Familien-Indienreise zum Jahreswechsel 16/17 wurden wir Zeugen – und zum Teil auch persönlich Betroffene – eines gewaltigen wirtschaftlichen „Feldversuchs“.
Unsere bange Frage lautet nun: Crasht demnächst die große Volkswirtschaft von Indien?
Und: Welche Folgen wird das für die restliche Welt haben?

Indien schafft das Geld ab!?

Die „bargeldlose Gesellschaft“ als Vision, ja das haben wir schon aus skandinavischen Ländern gehört. Aber auch dort ist man noch immer ein gutes Stück entfernt davon, das Bargeld wirklich gänzlich abzuschaffen.
Nicht so in Indien: In diesem bevölkerungsreichen und stellenweise sehr strukturschwachen und armen Land läuft gerade – fast unbemerkt vom Westen – eines der ganz großes historischen Wirtschaftsexperimente mit völlig ungewissem Ausgang. Premierminister Modi setzt seit Ende 2016 seine Vision einer bargeldlosen Gesellschaft – trotz gewaltiger Probleme – unbeirrt und mit wirklich harten Maßnahmen um. Indien verfolgt damit derzeit eine große – in ihrer Auswirkung nicht geprüfte und im Ausgang völlig ungewisse –  wirtschaftliche Utopie!

Das Ziel der indischen Wirtschaftsutopie

Alle Löhne, wirtschaftliche Transaktionen zwischen Unternehmen, aber auch der Großteil der privaten finanziellen Transaktionen sollen  – so das von Indiens Premierminister Narendra Modi ausgesprochene Ziel  – in Zukunft bargeldlos abgewickelt werden.

Als Grund und Ziel der aktuell extrem harten Aktionen gibt die Regierung die Bekämpfung von Geldfälschung, von Schmier- und Schwarzgeldzahlungen und Korruption, die Bekämpfung von illegalem Drogen- und Waffenhandel und Terrorismus. Auch eine Umverteilung von Reich zu Arm wird durch das Abschaffen vom Bargeld angestrebt: Die Reichen sollen auf diese Weise gezwungen werden Ihre Vermögen und ihr Einkommen zu deklarieren und Steuern dafür zu bezahlen. Das vielfach geheim gehortete Geld der Reichen soll so zum Vorschein kommen. Aus den vielfach illegalen Beschäftigungen im riesigen „informellen Sektor“ (dem überwiegenden Teil der indischen Wirtschaft!) sollen offizielle, gesetzlich geregelte Arbeitsverhältnisse, bezahlt mittels Überweisungen auf die Arbeitnehmerkonten, werden.

Es gab und gibt in Indien unter der Bevölkerung durchaus recht breite Unhterstützung für diese Sichtweise und diese Argumente!

Die Maßnahmen: Holzhammermethoden statt langfristiger Vorbereitung.

img_8329a

Alle 500er und 1000er Banknoten wurden im November 2016 ganz überrascvhend und praktisch „über Nacht“ aus dem Verkehr gezogen und sind nun nicht mehr gültig.

Im November 2016 wurden – für alle Inder völlig überraschend und quasi über Nacht – alle Banknoten über den 100.- Rupienscheinen (=EUR 1,4.-) für ungültig und illegal erklärt. Mit dieser Aktion wurde 85% des existierenden Bargeldes im Land über Nacht ungültig! (http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-11/indien-korruption-rupie-geldschein-austausch-narendra-modi, oder auch: http://www.tagesschau.de/ausland/indien-geld-101.html

Die Produktion von neuen Geldscheinen im Wert von 500.- und 2.000.- (EUR 7.- bzw. 24.-) verlief viel zu langsam, die verfügbaren Scheine von 100.- Rupien waren für das bevölkerungsreiche Indien viel, viel zu wenige.
Es gibt seither (das sind nun schon über 2 Monate) einfach ganz krass zu wenig Bargeld im Land.
Bargeldabhebungen von Banken wurden praktisch gestoppt, selbst Firmen dürfen kaum – oder nur extrem eingeschränkt Bargeld beziehen. Für Touristen gilt ein Höchstwechselbetrag bei offiziellen Banken von EUR 70.- pro Person pro Woche!!!
Bankomatabhebungen wurden auf Rupies  2.000.- pro Tag pro Karte (= EUR 24.-) reduziert.Viele Bankomaten hatten aber wegen der Geldknappheit ohnehin häufig kein Geld.  Von uns auf unserer Reise sehr häufig gesehene, meinst handgeschriebene Infoschilder: „ATM out of Order“ „ATM temporary not working“…
Diese Maßnahme war durchaus auch beabsichtigt, weil man die Menschen damit zwang die alten Banknoten in der Bank auf ofizielle Konten einzuzahlen, weil die Banken keine neuen Banknoten zum tauschen hatten.

img_8058a

Von uns auf unserer Reise sehr häufig gesehene, meinst handgeschriebene Infoschilder: „ATM out of Order“ „ATM temporary not working“…

Vor den wenigen funktionierenden Bankomaten bildeten sich Monsterschlangen, die hinteren Wartenden immer völlig ungewiss ob der Geldvorrat für sie noch ausreichen würde…
Diese Menschenschlangen vor den Bankomaten wurden während unserer gesamten Indienreise zum gewohnten Anblick.

img_8053

Diese Menschenschlangen vor den Bankomaten wurden während unserer gesamten Indienreise zum gewohnten Anblick.

 

Die Folgen: Extreme Einbußen in vielen Wirtschaftsbereichen

Der Tourismus im Süden von Indien – dessen Hauptsaison ja im Winterhalbjahr ist – schrumpfte heuer extrem. Geschäfts- und Hotelbetreiber in Goa klagten uns von einer extrem schlechten Weihnachtssaison. Die meisten Bars und Restaurants blieben selbst zur normalerweise stärksten Saison des Jahres gähnend leer, genauso wie die Geschäfte und Märkte.
In den Zeitungen lasen wir, dass Bauern verzweifelt sind, weil sie nun wegen Bargeldmangel kein Saatgut und Dünger kaufen konnten und daher nun oft die Felder nicht bestellen. Die Preise für Agrarprodukte seien zudem aktuell extrem niedrig, weil sehr wenig verkauft werden kann. Manche Produkte können gar nicht verkauft werden. Eine Fischverkäuferin klagte extrem, weil sie gar keine Fische mehr verkaufen konnte und ihre Produkte sich ja auch nicht lagern lassen.
Arbeiter – die in Indien ja fast überwiegend Tagelöhner sind – werden nach Hause geschickt, weil kein Bargeld für deren Arbeit verfügbar ist.

Hintergründe und Analysen aus indischen Medien

Indische Nachrichtenmagazine (India today, Times of India, etc.) schreiben von einem bereits jetzt schon spürbaren Rückgang der Wirtschaftsleistung bis hin  zu einem befürchteten Schrumpfen der bislang stark wachsenden indischen Wirtschaft.

India today, z.B. schrieb, dass aktuell noch über 80% der indischen Wirtschaftsleistung im informellen, unregistrierten Sektor stattfinden würde.

Zudem hätten an die 70% der indischen Bevölkerung aktuell nicht einmal theoretisch (und auch nicht praktisch) die Möglichkeit  eines Zuganges zu einem eigenen Bankkonto, weil es viel zu wenige Banken in Indien gäbe – in vielen ländlichen Regionen gibt es gar keine Banken.

Vor diesen Hintergründen und auch wenn man als Reisender die Armut und die schwache Infrastruktur weiter Landesteile sieht, scheint der Plan der „Demonetarisation“ von Indien einfach aberwitzig, völlig abstrakt – ein Produkt abgehobener Politiker in Elfenbeintürmen!

Es bleibt spannend, wie es ausgeht

Bei unserer Abreise aus Indien am 8. Jänner 2017 war dann die Lage nur ein wenig entspannter. Die Schlangen vor den Bankomaten waren weniger geworden. Mein indischer Mobiltelefonanbieter sendete jeden zweiten Tage Nachrichten für Angebote für bargeldlose Zahlungssysteme via Mobiltelefon. Dieser Bereich „bargeldlose Zahlungssysteme“ wird sicher DER große Wachstumsbereich hier in Indien!
Ev. hat ja die indische Regierung gute Kontakte zu diesen Wirtschaftszweigen…. (Das ist nicht nur meine private Verschwörungstheorie, das mutmaßen auch Nachrichtenmagazine…)

Ich werde auf alle Fälle weiter mitverfolgen, wie dieses – auf mich ziemlich wahnsinnig wirkende  Wirtschaftsexperiment – in Indien weitergeht. Ich halte die Daumen, dass Modi sein Land damit hoffentlich nicht in den Abgrund treibt und eventuell noch vorher die „Notbremse“ zieht, wenn das dann noch möglich ist bei diesem riesigen Land….
Liebe Grüße aus Sikkim, Goa und Delhi

Christian Hlade & Family

Veröffentlicht unter Allgemein, Information | 10 Kommentare