Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Ich habe heuer persönlich und ausführlich zwischen Juni und Oktober 2016 die drei zentralasiatischen „-stan“ – Länder Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan bereist und fasse nun hier meine Eindrücke zusammen.

Die Gemeinsamkeiten

Die drei Länder Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan verbindet die über 150 Jahre lange russische und später gemeinsame sowjetische Geschichte.
Die Hauptstädte Bischkek (Kirgisistan), Duschanbe (Tadschikistan) und Tashkent (Usbekistan) sind alle drei Gründungen aus der Sowjetzeit und wurden von russischen Städteplanern mit großzügigen Dimensionen auf dem Reißbrett entworfen und haben daher einen recht ähnlichen Charakter.
Ich war bei allen drei Hauptstädten fasziniert und begeistert von der hohen Lebensqualität dieser Städte – auch heute noch  – mit ihren vielen Baumalleen, Parks und qualitätsvoll geplanten öffentlichen Räumen und wirklich tollen Gebäuden aus der Zeit der frühen Moderne.
Allein ein Besuch dieser Städte  – als „Open Air – Museum für sowjetische Städtebau würde eine weite Reise lohnen!

Der Islam ist überall die mehrheitliche und geschichtsformende Religion  und seit der Wende wurden alle drei Länder von quasi diktatorisch agierenden Präsidenten samt deren Machtclans regiert. (Im kleinen und auch armen Kirgisistan läuft das System noch am demokratischsten ab, denn hier gab es noch am meisten zivilgesellschaftlichen Protest gegen das korrupte System.)

Auch heute noch werden alle drei Länder von einem sehr multikulturellem Bevölkerungsgemisch aus dutzenden verschiedenen Ethnien bewohnt. Der Islam spielt im öffentlichen Leben eine total untergeordnete Rolle. Vor allem in den Städten trifft man völlig unvorbereitet auf äußerst freizügig bekleidete Frauen – in fast jedem Geschäft kann man zu sehr günstigen Preisen Bier und Wodka kaufen und selbst während des Fastenmonates Ramadan sind die Restaurants auch tagsüber gut besucht. In allen drei Ländern hatte ich den Eindruck, dass hier der Islam ganz ähnlich wie bei uns im Westen nur als „Taufscheinreligion“ gelebt wird und im täglichen Leben eine recht unwichtige Rolle spielt. Man feiert zwar die traditionellen muslimischen Feste, trinkt dabei aber dann auch gerne ein Bier oder besser einen Wodka! In den Städten herrscht ein total westliches Bild, am Land tragen die älteren Frauen zwar Kopftücher – aber eher aus der Tradition und wegen des Sonnenschutzes, wie halt bei uns früher auch.

Alle drei Länder erlitten nach dem Zerfall der UdSSR 1991 einen kompletten Zusammenbruch der gesamten Wirtschaft inkl. bitterer Not. Die neue Unabhängigkeit kam völlig überraschend und total unvorbereitet. Die gesamte Produktion war auf den sowjetischen Markt ausgerichtet und jedes Land hatte nur ein enges, vom Zentralregime zugedachtes Spektrum an Produkten. In Tadschikistan dominierte die Baumwollmonokultur und in Kirgisistan die Viehzucht. Plötzlich gab es keine Abnehmer mehr und noch viel schlimmer: Es gab gar keine Zulieferungen mehr aus anderen Sowjetrepubliken. Riesige Industrieanlagen standen von einem Tag auf den anderen für viele Jahre oder sogar für immer still.
Die Produktion baute immer auf Zulieferungen von anderen Ländern auf. Millionen Russen – und mit ihnen auch das ganze technische Know–How verließen in den 90er –Jahren Zentralasien. Die drei Länder lagen buchstäblich am Boden, der zuvor recht ansehnliche Lebensstandard fiel in den Keller und die Länder versanken in Not und Agonie.
In allen drei Ländern hat sich das aber inzwischen stark gebessert und überall ist nun ein neuer Aufschwung und die Rückkehr zu einem geordneten Normalzustand erlebbar.
Alle drei Länder sind bewohnt von äußerst warmherzigen, gastfreundlichen Menschen.
Was nach der Ankunft sofort auffällt: Das Lebenstempo ist VIEL gemächlicher. Man fühlt sich in –stan sofort verlangsamt und entspannt.

Die Unterschiede

Trotz der langen gemeinsamen Geschichte und der Nachbarschaft sind heute die Unterschiede zwischen den drei Ländern riesig – viel, viel größer, als man vermuten würde. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging jedes Land – fast isoliert voneinander – seinen eigenen Weg.
Politische und wirtschaftliche Bündnisse mit China, Russland, Westeuropa und mit den USA wurden von allen drei Ländern in unterschiedlicher Reihenfolge und Intensität gesucht. Diese Allianzen wechselten zum Teil schnell und wurden dann zum Teil auch  – z.B. im Falle Usbekistan & USA –auch wieder abrupt beendet.

Ein wachsender „Nationalstolz“ und die Betonung der ethnischen „Mehrheitskultur“ wurden überall künstlich geschürt und fast künstlich neu geschaffen. In diesem Bereich ist das Konfliktpotential leider riesig: Zehntausende Usbeken leben auf kirgisischem Staatsgebiet, sehr viele Tadschiken leben in Usbekistan und auch heute noch leben ein paar Millionen russischstämmige Menschen in Zentralasien. Die während der Sowjetzeit gezogenen Grenzen spiegeln nicht die Grenzen der ethnischen Zugehörigkeit. Dieser neu geformte „ethnische Nationalismus“ führte leider vor einigen Jahren zu teils gewalttätigen Konfrontationen in Kirgisistan.

Auch von der Vegetation, den Temperaturen, den Niederschlägen, den Jahreszeiten und vor allem den touristischen Reisezeiten sind die drei Länder extrem unterschiedlich. So unterschiedlich, wie ich es mir vor meinem Besuch kaum vorstellen konnte.
Kirgisistan kann man angenehm zwischen Juni und September bereisen, wobei es im Juni und September in den Gebirgsregionen empfindlich kalt und nass sein kann. Regen kann es überhaupt fast immer geben.
Tadschikistan hat  – bedingt durch die hohe Lage seiner meisten Regionen – ein noch engeres „Reiseprofil“. Noch bis Anfang Juli kann auf manchen Pässen zu viel Schnee liegen und Anfang September kann der Schnee dort dann schon wieder liegenbleiben.
Usbekistan im Juli bei 45 Grad im Schatten zu bereisen ist sicher nicht so lässig. Hier ist die beste Zeit von Ende April bis Anfang Juni und von Ende August bis Ende Sptember.

Die einzelnen Länder:

 

Kirgisistan

Kirgisistan ist ein „hübsches, gastfreundliches kleines Land“. Die Natur kann man stellenweise durchaus mit „lieblich“ betiteln. Grüne Wiesen, warme Seen zum Baden, klare Gebirgsbäche mit schönen Wäldern.

Kirgisistan ist ein „hübsches, gastfreundliches kleines Land“. Die Natur kann man stellenweise durchaus mit „lieblich“ betiteln. Grüne Wiesen, warme Seen zum Baden, klare Gebirgsbäche mit schönen Wäldern.

Ich sag es gleich ehrlich: Kirgisistan ist von den drei Ländern mein Lieblingsland!
Von allen drei Ländern ist es das „offenste“. Erstes sichtbares Zeichen dafür: Man braucht kein lästiges Visum für die Einreise!
Der jetzige Präsident scheint auch viel weniger „Diktator“ zu sein als seine Kollegen in den Nachbarländern. Er kam nach einem Volkaufstand gegen den korrupten alten Präsidenten an die Macht und möchte in seiner Pension als „Künstler“ wirken.
Der Islam spielt hier von allen drei besuchten Ländern die geringste Rolle. Sichtbares Zeichen dafür ist die leichte Bekleidung vieler Frauen und dass man in fast jedem Dorfladen am Land Wodka und Bier in einer erstaunlich breiten Produktpalette kaufen kann.
Kirgisistan ist ein „hübsches, gastfreundliches kleines Land“. Die Natur kann man stellenweise durchaus mit „lieblich“ betiteln. Grüne Wiesen, warme Seen zum Baden, klare Gebirgsbäche mit schönen Wäldern.

Das Land ist sehr klein und arm an Rohstoffen. Man sieht aber nirgends Not oder Elend. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind hier sicher fast ohne Rohstoffe und mit wenig Industrie recht schwierig, aber die Kirgisen habe ich als flexibel und sehr lebensbejahend kennengelernt. In Biskek stehen von allen drei Hauptstädten die wenigsten neuen „Potzbauten“, es wird dort sichtlich weniger neu gebaut und investiert als in den anderen –stan – Ländern. Aber die Parks und Cafes fand ich dort am vollsten. Vielleicht genießt man hier das Leben mehr und investiert nicht so viel in neue Häuser?

In touristischer Hinsicht passte es für uns in Kirgistan auch einfach perfekt! Nach unserer Pilotreise dorthin wollte ich am Reiseablauf, an der Qualität und dem örtlichen Teams rein gar nichts ändern. (So etwas ist glaube ich fast noch nie vorgekommen in unserer Firmengeschichte!!!)
Alle Gäste waren auch echt schwer begeistert.
Es gibt hier unzählige schon recht gut etablierte Möglichkeiten für einen sanften Tourismus: Bei privaten Familien essen, in Jurten übernachten oder mit Nomaden durch die Berge wandern.
Die örtlichen Guides und das Betreuungsteam sind perfekt geschult und unglaublich nett und hilfsbereit. Viele haben erstaunlich gute Deutschkenntnisse und das Essen begeisterte uns alle praktisch jeden Tag: Hausgemachte Marmelade! Wunderbare Suppen! Teigtaschen! Frisches Gemüse!
Die Landschaft ist unglaublich facettenreich und ändert sich praktisch jeden Tag.
Bevor ich jetzt durch meine Schwärmerei „unglaubwürdig“ werde, beende ich meinen Text einfach mit der Einladung mit uns ins wunderbare und „hübsche“ Kirgisistan zu kommen!

Tadschikistan

 Tadschikistan ist für mich DAS gelobte Traumland zum Wandern und Bergsteigen in beeindruckender Hochgebirgskulisse! Im Pamir und seinen umgebenden Bergen harren unzählige Wanderperlen auf das „Entdeckt – Werden“


Tadschikistan ist für mich DAS gelobte Traumland zum Wandern und Bergsteigen in beeindruckender Hochgebirgskulisse! Im Pamir und seinen umgebenden Bergen harren unzählige Wanderperlen auf das „Entdeckt – Werden“

Tadschikistan ist für mich DAS gelobte Traumland zum Wandern und Bergsteigen in beeindruckender Hochgebirgskulisse! Im Pamir und seinen umgebenden Bergen harren unzählige Wanderperlen auf das „Entdeckt – Werden“:
Es gibt riesige atemberaubende Wandergebiete, die seit Jahrzehnten (=nach 1991, dem Zerfall der UdSSR) überhaupt niemals mehr von ausländischen Gästen betreten wurden!
Die teilweise über 7000m hohen Berge in Tadschikistan sind mächtig und umwerfend schön: Weiße Gletscher, tiefblaue Bergseen, grüne Hochalmen und dazwischen liegen die weißen Jurten der Bergnomaden mit ihren Herden.
Ich selbst war nach meinem ersten Besuch dort völlig „aus dem Häuschen“, wie schön und vor allem wie touristisch unberührt dieses Gebirgsland heute noch immer ist!
Vom Trekking-Potential könnte Tadjikistan Nepal recht locker den Rang ablaufen!

„ABER!“
Es gibt echt ein großes ABER, dass das Reisen  – vor allem das Trekking in abgelegene Teile in Tadschikistan echt zur „harten Nuss“ macht.
Tadschikistan ist daher aktuell nur etwas für Gäste, die sich darauf einstellen können!

Meine Analyse nach einer fast dreiwöchigen Reise vor Ort mit vielen Gesprächen auch nachher und dem Lesen zahlreicher Bücher zum Thema lautet:
Was für Tadschikistan leider die Lage in den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion bis vor wenige Jahre wirklich äußerst schwierig machte, waren große ethnisch- und machtbedingte Konflikte innerhalb des Landes. Ein Bürgerkrieg zerrüttete und erschütterte das Land bis weit in das jetzige Jahrtausend hinein.
Erst seit wenigen Jahren ist nun Frieden – das Land ist inzwischen für Touristen sicher zu bereisen. Die Bevölkerung ist auch sehr dankbar, dass endlich Frieden herrscht – aber spürbar erschöpft.
Der jetzige Präsident hat den Frieden ermöglicht und das legimiert seine Macht. Echt schrägt ist, dass im ganzen Land überall seine Bilder hängen. Überall lächelt er „das einfache Volk“ an. In der Hauptstadt Duschanbe hat er riesige Bauprojekte verwirklicht und weitere Megaprojekte folgen.
Wirkt alles auf mich monströs und etwas gruselig. Protzbauten als Machtverwirklichung eines eitlen, macht- und geltungssüchtigen Diktators. In dieser Hinsicht ist Tadschikistan wirklich am Meisten „Absurdistan“ von allen drei Ländern. Woher das Geld für diese Megabauten kommt? Keine Ahnung.

Der jahrelange Konflikt hat das Land aber in seiner ganzen geistigen Entwicklung extrem zurückgeworfen. Im Vergleich zu seinen zwei Nachbarn Kirgisistan und Usbekistan gibt es himmelhohe Unterschiede in der Bildung, Infrastruktur und für uns dann sehr spürbar in der Entwicklung von touristischer Infrastruktur.
Ein kleines Beispiel: Auf einer weiten Fahrt von 7 Stunden durch das weite und wunderschöne und auch recht dicht besiedelte Rasht-valley findet man in keinem der Orte ein ausreichend sauberes Restaurant mit einem funktionierenden Klo.
Gut ausgebildete Touristenguides und Bergführer – in Usbekistan und Kirgistan mittlerweile in sehr großer Zahl vorhanden – sind praktisch kaum vorhanden und Guides mit Deutschkenntnissen gibt es meines Wissens gar keine. Der Standard beim Trekking und in der Campingküche ist besorgniserregend tief. Es gibt häufig eher russisch – inspirierte, monotone  Kost wie Fertig-Kartoffelpulver und Konserven.
Ich war vor Ort dann auch zusätzlich extrem verblüfft, wie wenig Kooperation es untereinander gibt.
Unsere Pferdebegleiter kooperieren nicht mit der Küche (…weil die Köchin eine ethische Russin war?), Der Hauptguide redete und kooperierte kaum mit den Pferdeleuten und dem örtlichen Führer. (Hauptguide aus dem Pamir, örtliches Tam waren Kirgisen..?) Unser örtlicher Führer wiederum weigerte sich während der Tour in ein Nachbartal abzusteigen, weil er ja ethischer Kirgise ist und dort im Tal ihm gar nicht wohlgesonnene Tadschiken leben. Er hätte da schon mal ganz schlechte Erfahrungen gemacht und es sei fast zu Handgreiflichkeiten gekommen, weil das nicht „sein Revier“ sei.

Meine Analyse / Deutung:
Die Gräben und das Misstrauen in der Bevölkerung  -zwischen einzelnen Gruppen, Tälern und Ethnien sind noch heute nach dem langen Bürgerkrieg so groß, dass unsichtbare „Grenzen“ Zusammenarbeit und Kooperation oft unmöglich machen. Das Ausbildungsniveau ist sehr niedrig und die Offenheit etwas Neues zu lernen ist vielfach auch sehr eingeschränkt. Man achtet und bewahrt „den eigenen Clan“ und die eigene Tradition und möchte „mit den anderen“ nicht so viel Austausch pflegen. Vielleicht ein verständlicher Schutz im Angesicht des langen internen Bürgerkrieges.
Aber dadurch wird auch Zusammenarbeit und Entwicklung verhindert. Ich als „gestandener“ Touristiker konnte es fast nicht fassen: Die verschiedenen Gruppen unseres Betreuungsteams redeten kaum miteinander und arbeiten nicht zusammen.
Das machte – in Kombination mit einer großen Unerfahrenheit im Bereich Tourismus und „Gästebetreuung“ die Sache echt zu einer „harten Nuss“.
Für das einheimische Betreungsteam war ihre Arbeit – mit dieser wenigen Erfahrung und mit dem Fehlen von Zusammenarbeit und den neuartigen Ansprüchen der westlichen Gäste unglaublich anstrengend. Das waren die sichtlich alles überhaupt nicht so gewohnt.

Zugleich erlebte ich aber  – das klingt jetzt für sie als LeserIn sicher völlig „paradox“, wie sich viele im Betreuungsteam in ihrem Rahmen echt extrem bemüht haben die Gäste zufriedenzustellen und sich auf die neuen – für sie total ungewohnten Ansprüche einzustellen. Unsere Partnerin und einzelne Menschen haben sich echt „den A… aufgerissen“ um die vielen auftretenden Ansprüche und manchmal einfach auch nur Wehwehchen der Gäste zu befriedigen
Ohne Teamwork und mit wenig touristischer Erfahrung und eben diesem unsichtbaren Grenzen untereinander war das für die einzelnen Menschen in Team total anstrengend und es verlief die „Lernkurve“ dann allerdings auch recht flach. (
Ich hab in Tadschikistan echt gelernt, wie unglaublich schwierig alles wird, wenn unsichtbare Grenzen wie hier eine Zusammenarbeit und ein Lernen so stark behindern – gepaart mit der nicht vorhandenen touristischen Erfahrung…

Eine weitere paradoxe Erfahrung war die unglaubliche Gastfreundschaft vor Ort:
Wir waren auf unserer 10-tägigen Trekkingtour zwischen Pamir und Alai wahrscheinlich einer der ersten Touristen-Gruppen in dem Gebiet seit Jahrzehnten! Nach 40-jähriger Reiseerfahrung  -und dadurch ev. etwas abgebrüht“ hat mich das echt umgehauen: Wir wurden vielfach von den Einheimischen wie ein Wunder bestaunt. Die Nomaden liefen und aus den Jurten und Häusern mit Joghurt und Brot entgegen. Sehr oft erhielten wir die Einladung doch zum Tee einzukehren. Auch fotografiert wurden wir sehr oft von den Nomaden. Ja: auch einige Nomaden besitzen inzwischen Smartphones – ein weiteres Paradoxon…

Die Reisen führten wir  ja heuer zum ersten Mal durch, der erste Term in war daher auch deutlich als Pilotreise gekennzeichnet. Unsere Gäste konnten sich dann auch auf die Situation richtig einstellen.
Der Zauber ein touristisch völlig unberührtes und vor allem so wunderschönes Gebiet zu betreten wogen dann auch für alle die häufigen „Kartoffelpureemahlzeiten“ auf.
Praktisch alle Gäste konnten.- angesichts der Situation  – ihre gewohnten Ansprüchen für eine Zeitlang zurückschrauben.
Einzelne hatten jedoch echt große Probleme damit. Probleme ein manchmal sehr einfaches und auch nicht schmackhaftes Essen auszuhalten. Probleme sich auf die ungewohnte Situation dieser Pionierreise in ein so kompliziertes Land einzustellen. Leider wurde dem örtlichenTeam dann unterstellt die Gäste „absichtlich“ schlecht zu behandeln und uns als Veranstalter wurde unterstellt „rein aus Sparmaßnahmen die Route und das Essen so geplant zu haben“.
Nichts liegt uns ferner als beim Essen zu sparen oder absichtlich ein minderwertiges Service zu konzipieren…

Selbstverständlich werden wir in den kommenden Jahren an der Ausbildung der Guides und des Teams arbeiten. Wir werden die Route optimieren und auch das angebotene Essen beim Trekking verbessern. Ich weiß aber, dass dies im Fall Tadschikistan ein längerer Prozess sein wird und auch in den nächsten Jahren hier die Essen und Service beim Trekking viel einfacher bleiben werden, als praktisch überall anders auf der Welt

Daher hier ein deutlicher Hinweis:
Tadschikistan  – wie schon gesagt – ein traumhaftes Gebirgsland, zauberhaft schön und wirklich Großteils touristisch völlig unberührt.
ABER: Es ist wirklich gar nichts für Gäste, die sich nicht für die Zeit der Reise auf die oben beschriebenen sehr ruppigen „Rahmenbedingungen“ einstellen können.

 

Usbekistan

Das Land ist toll für Fans alter Bauten und großer Geschichte – bei uns dann in Verbindung mit sehr lässigen Naturerlebnissen und Begegnungen.

Das Land ist toll für Fans alter Bauten und großer Geschichte – bei uns dann in Verbindung mit sehr lässigen Naturerlebnissen und Begegnungen.

Usbekistan ist GANZ anders, als die anderen zwei Länder. (Die sich voneinander aber auch sehr unterschieden – wie zu Beginn bereits gesagt…)

Usbekistan ist mit Abstand das größte und bevölkerungsreichste Land von den dreien. (400.000 km2, 30 Mio Einwohner) Usbekistan ist zudem reich an Rohstoffen: Erdgas, Erdöl, Gold, Baumwolle, uvam.

Die „Wende“ nach 1991 hat Usbekistan von allen Nachbarländern am besten  – bzw. am konfliktfreiesten – hinbekommen.
Der erst im September 2016 verstorbene Präsident Karimov Islam war schon in der Sowjetzeit der Führer des Landes und verblieb dann quasi übergangslos in dieser Rolle.
Nach drei Wochen im Land habe ich den Eindruck, dass hier zwar am meisten von den drei Ländern in das Leben seiner Bevölkerung eingegriffen wird. Aber das alles folgt auch irgendwie einer starken „Vision“, einem durchaus nachvollziehbaren Plan. Man will  – nach den schlimmen Erfahrungen nach dem Zusammenbruch – ein autarkes Land, das sich weitgehend selbst mit Nahrung und Produkten versorgen kann. Man will Frieden und keinen extremen Islam. Man inszeniert Usbekistan als „stolze Nation“ und will so „Vaterlandsliebe“ erzeugen – was durchaus gelingt.
In Fortsetzung des reglementierten Lebens in der Sowjetzeit wird auch heute das Leben der Bürger streng geregelt, kontrolliert und kanalisiert.
Dennoch wirken die Menschen in Usbekistan auf mich zufrieden und sagen im persönlichen Gespräch, daß man hier heilfroh sei ohne die Konflikte wie noch immer in Afghanistan und früher in Tadschikistan geblieben zu sein. Usbekistan wirkt auf mich als das wohlhabendste Land unter den dreien. Es herrscht Ordnung und das Land wird anscheinend recht gut verwaltet. Die Diktatur durch einen lebenslangen „starken“ Präsidenten – sagen viele Menschen hier – sei quasi zwingend notwendig, um nicht im Chaos zu versinken.

In touristischer Hinsicht hat Usbekistan eigentlich die besten Karten von allen drei Ländern: Schon während der Sowjetzeit wurde systematisch der Kulturtourismus entlang der großartigen Bauten der weltberühmten Seidenstraße (Samarkand, Chiva, Buhara) als Devisenbringer aufgebaut und nach der Wende nahtlos weitergeführt.
Es gibt daher eine jahrzehntelange Tourismuserfahrung, viele tolle Hotels und Restaurants, eine große Auswahl an professionellen Agenturen und sehr viele perfekt Deutsch sprechende und gut geschulte Guides.
Allerdings – muss man ehrlich sagen: Usbekistan ist KEIN ganz optimales Wanderland.
Ein großer Teil des Landes besteht aus flacher und öder Steppe, nur einige wenige Landschaften sind reizvoll, um sie zu Fuß zu erleben. Und da gibt es schon einige wunderschöne Ecken – die ich in meiner 3-wöchigen Recherchereise erkundet habe: Es gibt z.B. ein schönes Hochgebirge zum Wandern an der Grenze zu Kirgistan, sehr hübsche Bergdörfer mit Walnussbaumoasen bei Samarkand und schön gelegene Jurtencamps in der Wüste.

Usbekistan hat ein recht „kontrastreiches“ kontinentales Klima: Die Winter sind extrem kalt, feucht und stürmisch. Die Sommer sind extrem trocken und heiß – bis 45 Grad und mehr. Die Übergangszeiten sind recht kurz.
Das optimale Zeitfenster für Wandern und Kultur ist von Ende April bis Anfang Juni und von Ende August bis Ende September.

Das Land ist toll für Fans alter Bauten und großer Geschichte – bei uns dann in Verbindung mit sehr netten Naturerlebnissen und Begegnungen.

So – ich hoffe ihr seid nun „im Bilde“
Freue mich über Kommentare, Rückmeldungen und Anregungen

Liebe Grüße aus Tashkent / Usbekistan

Christian Hlade


 

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Zukunft planen im Wüstencamp: Weltweitwandern Partner-Workshop in Marokko 2017

Eine große Freude für mich:
Jahrelang trage ich diese Idee schon in mir, jetzt wird sie endlich wahr!

Anfang 2017 werden rund 40 langjährige PartnerInnen von Weltweitwandern sowie Tourismus-ExpertInnen aus mehr als 20 Ländern und von allen Kontinenten im Rahmen einer von uns organisierten Workshop – Wanderreise durch die Wüste von Marokko zusammenkommen.

Das Ziel: sich austauschen, über die Zukunft des Tourismus nachdenken und den Inputs unserer Fachleute lauschen. Dies sind Christian Baumgartner (response & ability gmbH), Margit Leuthold (respect – Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung) und Harald Friedl (Prof. an der FH Joanneum / Nachhaltiger Tourismus). Bei moderierten Diskussionen, aber auch beim Durchwandern der Dünen und am Lagerfeuer besprechen wir die großen Herausforderungen im Tourismus, etwa Fragen der Sicherheit und des Klimawandels und reflektieren unsere tägliche Arbeit.

Ein Workshop der besonderen Art, ein Trekking, wie es Lahoucine, Freund und Partner vor Ort versteht: Schritte aufeinander hin zu machen.

Ein Workshop der besonderen Art, ein Trekking, wie es Lahoucine, Freund und Partner vor Ort versteht: Schritte aufeinander hin zu machen.

Weltumspannend und inspirierend!

Acht Tage lang wollen wir uns für dieses Innehalten Zeit nehmen. Der Wind wird unsere Spuren im Sand verwehen. Doch mit der Inspiration, die wir von unserem Wüstencamp mitbringen, können wir neue Spuren ziehen.

Hier die Ankündigung für die Partner:

Ein Zeichen setzen. Das möchte Weltweitwandern mit seinem nächsten Projekt. Spuren hinterlassen, in der Biographie von über 40 Tourismuspartnern, – fachleuten, Freunden. Den Faden vom runden Tisch am See in Berlin weiterspannen, zu einer gemeinsamen Wanderung in der Wüste Marokko’s. Weltumspannend und inspirierend, aus über 20 verschiedenen Ländern kommend, zugleich mit dem Gefühl bei sich zu sein. Ein Workshop der besonderen Art, ein Trekking, wie es Lahoucine, Freund und Partner vor Ort versteht: Schritte aufeinander hin zu machen. Eine Woche, 8 Tage, über 20 Herkunftsländer, 40 TeilnehmerInnen, 20-jährige Freundschaft, ein langgehegter Traum: Weltweitwandern Workshop Februar 2017, Marokko. Der Wind wird die Spuren im Sand verwehen. Bleiben werden in den Herzen die Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Religionen und Kulturen. Ein Zeichen setzen – für ein respektvolles Miteinander und voneinander lernen. Gehen wir den Weg – gemeinsam – mit Weltweitwandern.

Der Wind wird die Spuren im Sand verwehen. Bleiben werden in den Herzen die Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Religionen und Kulturen. Ein Zeichen setzen – für ein respektvolles Miteinander und voneinander lernen. Gehen wir den Weg – gemeinsam - mit Weltweitwandern.

Der Wind wird die Spuren im Sand verwehen. Bleiben werden in den Herzen die Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Religionen und Kulturen. Ein Zeichen setzen – für ein respektvolles Miteinander und voneinander lernen. Gehen wir den Weg – gemeinsam – mit Weltweitwandern.


 

Veröffentlicht unter Crossing Cultures / Empowerment, Entwicklung / Werte / Gemeinwohl, Marokko, Reisen | 4 Kommentare

Konfrontation statt Kuscheltoleranz: Wie Integration gelingen kann!

Meine Erfahrungen mit unserer syrischen Gastfamilie und warum Regeln und Streitkultur mehr bringen als Sozialromantik

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“ Dietrich Bonhoeffer

Einen Beitrag zur Integration von Zuwanderern leistet Weltweitwandern auch durch Bereitstellung einer Unterkunft in Graz. Von September 2015 bis Dezember 2016 bewohnt eine syrische Flüchtlingsfamilie – ein Ehepaar aus Damaskus mit seiner vierjährigen Tochter – die Gästewohnung unserer Firma. Eine Erfahrung, die sich zugegebenermaßen schon bald als recht herausfordernd erwies. Mein persönliches Integrationsprojekt, das ich mit bestem Willen startete, entpuppte sich als wahre Herkules-Aufgabe. Denn ich musste aus eigener Anschauung erleben, wie schwierig Integration im Alltag tatsächlich funktioniert. Nach über einem Jahr Aufenthalt in unserer Wohnung in Graz konnte ich bei der Familie  – trotz großem Bemühen von unserer Seite – leider nur wenig Bewegung in Sachen Integration registrieren. Der Mann sprach nach fast einem Jahr in Österreich noch immer fast gar kein Deutsch, die Frau – sie lebte nun bereits zwei Jahre in Österreich – auch nicht mehr als A2-Niveau. Viel Zeit verbrachten die beiden damit, um via Smartphones auf Facebook syrische Einträge zu verfolgen oder zu posten. Ein Zeichen dafür, dass sie im Kopf weiterhin vollständig in ihrer alten Heimat lebten und in der neuen noch in keinster Weise angekommen waren. Was durchaus auch verständlich ist, wenn man versucht, sich in die Lage kriegstraumatisierter, existenziell erschütterter Menschen hineinzuversetzen. Auch meinen Großvater, der einst nach dem 2. Weltkrieg aus Slowenien vertrieben wurde, wo er als ein geachteter, erfolgreicher Unternehmer gelebt hatte, erfasste in dessen neuer Heimat Graz pure Resignation, die ihn bis zum Lebensende nicht mehr losließ.
Und dennoch war ich enttäuscht vom Verhalten bzw. der Haltung der syrischen Familie. Ich hatte mir wesentlich mehr Engagement und Eigeninitiative erwartet. Die gratis zur Verfügung gestellte Gästewohnung ist Teil unseres Privathauses in Graz – so lebten wir gleichsam Tür an Tür. Obwohl die syrischen Gäste unseren Garten mitbenutzten, war es ihnen offenkundig kein Bedürfnis, uns bei der Gartenarbeit oder Ähnlichem zu helfen. Auch Verabredungen für Kulturveranstaltungen wie gemeinsame Konzertbesuche oder Termine für geplante Ausflüge wurden oft nicht eingehalten. Zudem drohten die Wohngewohnheiten unserer Mieter – viel Feuchtigkeit beim Kochen und Duschen bei völligem Verzicht aufs Lüften  –  die Wohnung nachhaltig zu schädigen. Immer wieder musste ich die beiden darauf hinweisen, regelmäßig die Fenster aufzumachen, um die Wohnung zu lüften. Immer wieder vergebens! Unterm Strich: So schwierig hatte ich mir das alles nicht vorgestellt.
Erst nach einiger Zeit und nachdem ich einmal unmissverständlich laut und deutlich geworden war und wir auch zusätzlich schriftliche „Zusammenlebe-Regeln“ vereinbarten, fruchteten meine Bemühungen schließlich nach und nach. Nach vielen Gesprächen funktionierten schließlich das Lüften der Wohnung und endlich ab Herbst 2016 auch ein bisschen die Mithilfe im Garten. Auch das Deutschlernen machte schließlich Fortschritte. Unsere Geduld und die Auseinandersetzung haben sich also gelohnt. Ganz abgesehen von den ohnehin spannenden Dingen, die die Unterbringung von Gästen aus einem fernen Kulturkreis mit sich bringt, wie die Einladungen zu syrischem Essen oder einfach auch die lebensnahe Konfrontation mit Kriegsflüchtlingen und allen dazugehörenden Erfahrungen.

Mein Fazit aus diesen Erfahrungen

Tatsächlich ist es in dieser Frage alles andere als leicht, eine „Position der vernünftigen, fremdenfreundlichen Mitte“ einzunehmen. Sachliche Kritik am Verhalten einzelner Flüchtlinge und das Ansprechen existierender Probleme werden von rechtspopulistischer Seite umgehend als „Munition gegen Ausländer“ verwendet – nach dem Motto: „Ja, wenn sogar der tolerante Hlade Probleme mit Asylwerbern hat, dann muss das Flüchtlingsproblem ja ganz furchtbar sein.“ Umgekehrt wird man von linksliberaler Seite rasch als „Nestbeschmutzer“ betrachtet, der den Flüchtlingen mit seinen Äußerungen das Leben nun noch schwerer macht. Öffentlich Kritik zu äußern, ist verpönt. Daher ist auch der Umgang mit ihr in der Gesellschaft noch wenig souverän.
Vor meinem biographischen Hintergrund müsste ich es nicht extra betonen, ich tu es dennoch: Nichts liegt mir ferner als pauschale Ressentiments zu schüren und damit Zuwanderern das Leben zu erschweren. Aber negierendes Verdrängen halte ich für genauso schädlich. Aus diesem Grund ist es mir ein Anliegen, im Sinne einer künftig besser gelingenden Integration meine Erfahrungen zu teilen und meine Schlussfolgerungen öffentlich zu machen. Unterm Strich muss freilich das Verbindende und Wertschätzende stets überwiegen.

Klar verständliche Regeln aufstellen und die Einhaltung einfordern

Integration heißt nicht nur, „gut, lieb und nett“ zu sein und eine naive Kuscheltoleranz zu pflegen, sondern bedarf auch immer wieder der klaren Konfrontation bzw. einer aktiven Auseinandersetzung. Auch und gerade mit Flüchtlingen braucht es eine produktive Gesprächskultur für eine Arbeit am besseren Miteinander. Daher sind Diskussionen und respektvolle Auseinandersetzungen ganz wichtig für das Gelingen von Integration. Voraussetzung dafür ist auch das Aufstellen von Regeln, Zielen und Forderungen von Seiten der Gastgeber.

Die Regeln im Gastgeberland sollten klar, verständlich und verbindlich aufgestellt werden. Mündlich und auch schriftlich. Wichtig dabei ist das Erklären der Regeln im wertschätzenden Dialog – aber auch eine respektvolle Kontrolle des Einhaltens der Regeln, gepaart mit Geduld und manchmal auch ein wenig positiver Strenge. So habe ich eines Tages begonnen, schriftlich klare Verhaltenshinweise und Regeln für die Wohnungsbenützung sowie die Mitarbeit im Garten aufzustellen und einzufordern – wertschätzend, aber mit Nachdruck. Auch das Deutschlernen habe ich zunehmend energisch eingemahnt.
Die Zuwanderer müssen schließlich oft völlig neue Verhaltensweisen einüben und das braucht Zeit. Man darf nie vergessen: Alltagsdinge, die in unserer Kultur selbstverständlich sind – wie das Lüften von Wohnungen, die Einhaltung vereinbarter Termine etc. – sind nicht für alle Menschen gleich selbstverständlich. Schließlich war auch für manche Österreicher  ein Umgewöhnen der Wohngewohnheiten in der Vergangenheit notwendig, weil bei modernen Wohnungen mit luftdichten Fenstern viel mehr gelüftet werden muss.
Das Einüben neuer Verhaltensweisen ist ähnlich dem Lernprozess bei Kindern. Immer wieder muss man geduldig die Regeln erklären. Immer wieder muss man Nein sagen und immer wieder nachkontrollieren. Gleichzeitig sollte man mit den neuen Zuwanderern natürlich nicht wie mit Kleinkindern reden, sondern respektvoll und möglichst „auf  Augenhöhe“ kommunizieren.
All das ist natürlich sehr herausfordernd und gelingt mir, offen gesagt, auch nicht immer optimal. Aber ich bemühe mich und versuche, aus eigenen Fehlern zu lernen.

Integration ist harte Arbeit, aber es gibt keine Alternative dazu!

Gelingende Integration braucht viel Anstrengung von beiden Seiten. Niemand soll behaupten, dass Integration einfach und ohne Probleme verläuft. Für unsere Gesellschaft ist es aber von enormer Bedeutung, diese Herausforderung zu meistern, weil logische Folgeprobleme in einer Zunahme von Aggression und Gewalt münden würden. Keine erstrebenswerte Alternative!
Was wir daher jetzt brauchen ist interkulturelles Know-How, viel Motivation und hohe Investition. Finanziell, aber auch menschlich.

Die Wichtigkeit der richtigen Motivation

Bei unseren vielen kulturverbindenden Empowerment-Projekten haben wir eines immer wieder gesehen: Besteht eine hohe Motivation dank erstrebenswerter Ziele, geht Integration und Spracherwerb zumeist ganz leicht und rasch. Meiner Erfahrung nach entwickeln sich Menschen, die eine klare Aufgabe bzw. ein klares Ziel haben – ich denke z.B. an unsere Guides –, wesentlich schneller weiter. Diese können sich oft erstaunlich rasch in einer anderen Kultur und Sprache zurechtfinden. Das Bieten von Perspektiven sollte daher auch oberstes Ziel in der Integration von – leider viel zu oft  perspektivenlosen – Menschen mit Migrationshintergrund sein.
Wobei eine positive Motivation nicht nur bei den Gästen, sondern auch von Seiten der Gastgeber entscheidend für gelingende Integration ist. Fremdenfeindlicher Rechtspopulismus mit seinen abwertenden Slogans zerstört diese positive Motivation  auf beiden Seiten und behindert damit eine gelingende Integration.

Ebenso integrationshinderlich sind aber auch unrealistische Erwartungshaltungen auf Seiten der Flüchtlinge: Die große Not in der alten Heimat, die Versprechungen der Schlepper und märchenhafte westliche Fernsehserien lassen oft ein verzerrtes Bild vom „Westen als Schlaraffenland“ entstehen. Ein Zerrbild, das in Unkenntnis der Zusammenhänge die Tatsache ausblendet, dass unser Sozialstaat nur durch mühevolle Erwerbsarbeit und die Steuerleistungen der Staatsbürger ermöglicht wird. Dieses „Anspruchsdenken“ an den „Goldenen Westen“ führt letztlich in die Passivität und untergräbt die Eigeninitiative. Zudem kommen viele Flüchtlinge aus Diktaturen bzw. sehr hierarchischen Gesellschaften, die von früher Kindheit an zu striktem Obrigkeitsdenken erzogen und jedes kritische Denken unterdrückten.

Hier sind wir voll gefordert, diese „Traumbilder“ richtigzustellen. Daher müssen wir diesen Menschen aktiv klar machen, dass es hierzulande Sprachkompetenz, eine gute Ausbildung und vor allem Fleiß und Erwerbsarbeit braucht, um seinen Lebensunterhalt sichern zu können.

Diese Wunsch- und Zerrbilder sind übrigens kein Spezifikum von Migranten:  Auch wir selbst tragen verzerrte Bilder mit uns herum und geben uns etwa gerne schwelgerisch unreflektierten Bildern von der „traumhaften Südsee“ oder dem „glücklichen früheren Tibet“ hin.

Smartphones als Integrationshindernis

Internet, soziale Medien und Smartphones erlebe ich durchaus als hinderlich für Integration. Sehr viele Flüchtlinge verbringen dank sozialer Medien täglich unzählige Stunden mit der alten Heimat und beschäftigen sich dadurch fortwährend mit Krieg und Vertreibung.
So verständlich das Verhalten sein mag, es erschwert natürlich ein Ankommen in der neuen Heimat. Denn mit der „digitalen Nabelschnur“ sind die Menschen geistig weiterhin mit ihrem Herkunftsland und mit dem Thema Krieg verbunden und erleben auf diese Weise persönliche Kriegstraumata – schreckliche Erlebnisse, Tod, Gewalt und Verluste –  immer wieder neu, Hier ist große Geduld von unserer Seite gefragt. Zugleich braucht es auch hier klare Regeln für das verpflichtende Abschalten von Mobiltelefonen während der Arbeit bzw. in Kursen.

„Multikulti“ ohne Scheu vor Konflikten

Natürlich gibt es schwere seelische Verwundungen durch Krieg und den Verlust der Heimat sowie Ohnmachtsgefühle totaler Entwurzelung. Ein Umstand, der uns zu mehr Geduld anregen sollte, aber freilich keine Dauerentschuldigung für unakzeptables Verhalten darstellen darf.

Auch wenn man – so wie ich – selbst liberal und „multikulti“ eingestellt ist, muss es erlaubt sein, ehrliche Kritik am Verhalten von Asylwerbern bzw. Asylberechtigten zu üben und legitime Bedenken zu äußern. Auch das Aufstellen von Regeln und Forderungen an Zuwanderer und die Kontrolle deren Einhaltung ist keine Zumutung, sondern sinnvolle Grenzziehung zum Wohle aller Beteiligten. Diese respektvolle, aber entschiedene Art des Umgangs könnte auch den aktuellen Spaltungstendenzen in der Gesellschaft entgegenwirken. Denn Kritik und Bedenken gegenüber dem Verhalten von Migranten sind derzeit quasi monopolhaft von Rechtspopulisten – in einer sehr undifferenzierten, teils unappetitlichen Art – besetzt. Das sehe ich als keine erfreuliche Entwicklung – im Gegenteil: Sie macht mir große Sorge! Daher wäre eine offene, tabulose, aber auch produktive und sachliche Auseinandersetzung in dieser Frage ohne Scheu vor Konflikten  meiner Überzeugung nach umso wertvoller und zielführender.

Rechtspopulismus ist Teil des Problems, nicht der Lösung!

Wir müssen lernen, mit Zuwanderung produktiv und ohne Panik umzugehen. Kriege und Klimawandel werden auch in Zukunft Fluchtbewegungen auslösen. Und wir können das gerade jetzt gut üben.
Das Schüren von Vorurteilen und die Angstmache fremdenfeindliche Rechtspopulisten – und teils auch von Seiten mancher Medien – verschärfen das Problem nur, statt zur Lösung beizutragen. Bei starren Fronten gibt es keinen Dialog, keine positive Motivation auf beiden Seiten, keine produktive Auseinandersetzung miteinander. So können auch keine guten gemeinsamen Lösungen entstehen! Fremdenfeindlicher Rechtspopulismus macht unsere Probleme nur größer. Allerdings ist umgekehrt auch die „rosarote Brille“ kontraproduktiv wenn sie real existierende Probleme unter den Teppich kehrt und Konfliktpunkte leugnet.

Unterm Strich halte ich daher Panikmache genauso wie das Negieren bestehender Probleme für eine gefährliche Zeitbombe!

Schluss mit Pauschalzuschreibungen wie  „die faulen Flüchtlinge“

Ob Syrer oder Österreicherinnen: Jeder Mensch ist höchst unterschiedlich. Hier wie dort gibt es offene, aufgeschlossene, sympathische – aber auch weniger nette Persönlichkeiten. Es gibt auch nicht den einen Islam. Ich habe auf meinen vielen Reisen unzählige Ausprägungen des Islam und riesige kulturelle Unterschiede in den verschiedenen islamischen Ländern kennenlernen dürfen. Pauschalzuschreibungen wie der „aggressive oder gefährliche Islam“ sind daher aus meiner Sicht völlig inakzeptabel.

Positive Motivation auch bei uns Österreichern!

Ich muss offen zugeben: Ich hätte mir das alles viel leichter vorgestellt! Aber das ist einer der Wesenszüge unserer globalisierten Welt: Niemand soll behaupten, dass die Herausforderungen heute einfach sind. Aber wir haben keine Wahl: Wir müssen uns diesen Aufgaben stellen, denn Kriege existieren und „produzieren“ Flüchtlinge. Die Ungleichheiten auf der Welt wie auch der durch unsere Lebensweise ausgelöste Klimawandel führen zu Migrationsströmen.
Ob wir es wollen oder nicht: Zuwanderung findet statt. Wanderbewegungen von Menschen gibt es seit Jahrtausenden und haben unsere heute bestehende Zivilisation erst ermöglicht, weil sonst würden alle Menschen des Planeten immer noch in Afrika, der „Wiege der Menschheit“ leben! Die aktuelle Situation zu negieren, ist daher keine Lösungsoption. Sich die Flüchtlinge wegzuwünschen und den Kopf in den Sand zu stecken, genau so wenig.

Was es stattdessen braucht ist noch VIEL MEHR an Engagement und aktives Zugehen – gepaart mit klaren, realistischen Forderungen an die Flüchtlinge selbst. Daher mein Appell: Lasst uns aktiv, produktiv und positiv in die Zukunft schauen! Das Thema ist lösbar, aber weder durch reflexartigen Rechtspopulismus noch durch eine sozialromantisch getönte rosarote Brille noch durch verdrängende Vogel-Strauß-Politik oder durch Dauerverdruss und Katzenjammer.

Österreich hat in diesem Bereich sehr viele positive Erfahrungen. Ich bin selbst das Kind einer Flüchtlingsfamilie. Mein Vater kam nach dem 2. Weltkrieg aus Slowenien und meine Mama aus Tschechien nach Graz. Ich fühle mich zu 100 Prozent als Österreicher und liebe dieses wunderbare Land.
Und ich glaube felsenfest an die große Lernfähigkeit und die positiven Kräfte der Menschen. Ich habe auch keine Zukunftsängste, sondern sehe diese große Herausforderung als Ansporn für uns, aus unserer oftmals vorhandenen eigenen Bequemlichkeit aufzustehen und die Zukunft auf unserem Planeten – gemeinsam mit unseren neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern – positiv, friedlich und glücklich zu gestalten!

Weltweitwandern bemüht sich, aufgrund seiner Erfahrungen in über 80 verschiedenen Ländern mit fast ebenso vielen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen und dank unzähliger kulturverbindender  Empowerment-Projekte mit Know-how und gutem Willen, aber auch viel Realismus positiv zu diesem riesigen Zukunftsthema beizutragen.
Die Herausforderungen sind zu schaffen!

Gehen wir es gemeinsam an!

Wie ist deine/ihre Meinung zu diesem Thema?


 

 

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