Wir leben hier in Österreich in einem der reichsten Länder der Erde – und trotzdem so viel Jammern, so viel Unzufriedenheit, so viele traurige Gesichter, so viel Zukunftsängste. Was ist derzeit los mit unserer Gesellschaft? Wo ist die Hoffnung hin? Der Optimismus?
–
Ich erlebe auf meinen Reisen in Länder mit wesentlich geringerem Wohlstand oft eine viel größere Freude und Aufbruchstimmung. In Polen. In Kolumbien, wo es sehr viele arme Menschen gibt. In Asien. Dort überall finde ich sehr oft viel mehr Alltags-Freude als bei uns, wo wir hier doch vergleichsweise viel mehr Sicherheit, Freiheit und ein noch immer sehr gutes Gesundheitssystem haben.
Heuer im Juni war ich auf Bandscheiben-Reha in Baden bei Wien. Der ganze Ort ist ein einziges Schmuckstück, wunderschön renoviert, auch die Umgebung ist gepflegt – wie ein kleines Paradies dort im Wienerwald.
Die großartige Reha ist fast gratis, man bekommt super Therapien auf Vier-Sterne-Niveau, jeder Patient hat ein eigenes Privatzimmer.
–
Und da sitze ich in der Sauna mit einem Reha-Kollegen, Mitte vierzig, und der sagt mir schon nach dem vierten Satz: “Europa geht sowieso gerade den Bach runter.”
–
Ich so: “Wie meinst du das?”
–
Er: “Ja, wegen der EU werden unsere Firmen ausverkauft, es gibt so viele Ausländer, und in den Schulen wird kaum mehr Deutsch gesprochen.”
–
Ich erzähle ihm, dass ich drei Kinder habe, die gerade alle nacheinander die Schulen abgeschlossen haben oder gerade dabei sind, eines davon ist sechzehn. Da gab es natürlich Themen mit Zuwanderern, aber niemals in dieser übertriebenen Form.
Ich frage ihn, ob er Kinder hat – er sagt nein – das habe er aber alles so gehört und gelesen ….
–
Ich erzähle ihm auch, dass ich in Rumänien und vielen anderen osteuropäischen Ländern – gesehen habe, wie voll das Land mit österreichischen Firmen ist, von der Erste Bank bis zu österreichischen Versicherungen, Wienerberger und Strabag – und dass unser Wohlstand in Österreich sehr stark auf dieser Osterweiterung und auch auf internationaler Zusammenarbeit und Export aufbaut.
–
Er: “Unsere Firmen werden ja ohnehin alle gerade ausverkauft, das gehört gar nicht mehr Österreich.
Ich: “Das stimmt so nicht.”
Er: “Es ist alles furchtbar, alles schlimm” – sitzt dabei im Vier-Sterne-Hotel bei einer fast Gratis-Reha und sieht die Welt untergehen.
–
Ich habe es nicht mehr gefasst. Wohlstandsverwahrlosung?
Im weiteren Gespräch kam heraus: Er hat einen sehr gut bezahlten Job bei einer amerikanischen Investmentfirma in Wien, hat studiert, hat sicher ein hohes Einkommen. Tja, was soll man sagen …
–
Ich rede hier ausdrücklich nicht von Menschen, die wirklich kämpfen, die von Schicksalsschlägen getroffen sind. Für sie habe ich tiefes Verständnis – und ich durfte viele Gäste und Wegbegleiter:innen kennenlernen, die gerade trotz solcher Schläge eine große Lebenslust ausstrahlen.
–
Ich rede von jenen, die alles/sehr viel haben und die Verantwortung, die damit wächst, nicht annehmen wollen. Zufriedenheit ist keine Frage der Umstände, sondern eine Entscheidung, die man jeden Tag neu trifft – das versuche ich auch bei/mit meinem Unternehmen zu leben.
–
Ja: Unsere Welt ist kompliziert, ja es gibt gerade viele furchtbare Kriege, ja der Klimawandel betrifft uns – und mehr noch unsere Kinder, usw. Aber gerade deshalb ist es wichtig aktiv zu werden, aus dem Jammern rauszukommen und selbst Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen und realistisch und optimistisch zu handeln.
–
Bin gespannt auf Deine Meinung / Erfahrungen mit dem Thema…
Lieber Herr Hlade,
vielen Dank für gerade diesen Artikel – Sie sprechen mir damit aus der Seele. Ganz ähnliche Erfahrungen habe ich selbst wiederholt gemacht, und wenn man sich diverse (meist anonyme) Online-Posts ansieht, scheint das Abendland gerade unterzugehen. Ein weiteres Phänomen ist jedenfalls auch, dass (Schul-)Bildung bei uns wesentlich weniger wertgeschätzt wird, als in sogenannten Entwicklungsländern. Was hier kostenlos und für jede(n) leicht verfügbar ist, wird (vor allem von den Eltern) schlechtgeredet, Lehrer*innen werden regelmäßig öffentlich gescholten. Da ist es kein Wunder, wenn die Kinder „keinen Bock“ auf Schule haben. Wie anders sieht es da im Rest der Welt aus, wo der aufmerksame Reisende auf Bildungshunger trotz widriger Umstände trifft. Aber was erzähle ich das jemandem, der seit Jahrzehnten Schulprojekte aufbaut – auch dafür vielen Dank!
LG Wolfgang
Lieber Christian,
Du sprichst mir aus der Seele! Je wohlhabender, umso mehr Verlustängste und Pessimismus. Ich hoffe nur, dass das nicht zu einer Self-Fulfilling Prophecy wird. Umso wichtiger ist es, dagegen zu argumentieren, egal ob in der Straßenbahn, Berghütte oder Sauna :-) Die indische Präsidentin der World Fair Trade Organization (WFTO) hat mir einmal gesagt: „Andreas, den Luxus des Pessimismus könnt nur ihr reiche Leute aus dem Westen euch leisten.“ Wie wahr.
Liebe Grüße,
Andreas