“Soll man überhaupt Reisen in arme Länder unternehmen?” ist eine Frage, die sich viele stellen und die auch mir häufig gestellt wird. Auch hier ist die Antwort – und auch das Erleben auf einer Reise äußerst vielschichtig – wieder ist man bei der Ambiguität!

Hier der Versuch meiner Antwort:
Reisen in ärmere Länder finde ich enorm wertvoll, um die Vielfalt auf unserer Erde kennen zulernen und um eigene Wertmaßstäbe zu hinterfragen. Auf einer Reise nach Nepal zum Beispiel treffe ich immer viel öfters auf fröhliche, offene und hilfsbereite Menschen, als bei uns im Westen. Materielle Armut bedeutet ja nicht gleichzeitig Unglück! Das Bild vor Ort ist ja zudem niemals einheitlich: Auch in armen Ländern gibt es reiche Menschen, in Teilen von Kerala / Südindien wähnt man sich in einem tropischen westlichen Paradies mit viel sichtbarem Wohlstand.

Auch die Kultur in wirtschaftlich ärmeren Ländern ist sehr oft vielschichtiger und “reichhaltiger” als bei uns.
Erstaunliche Naturjuwele warten dort noch entdeckt zu werden. Unmittelbar neben umweltverseuchten Industrieregionen findet man zum Beispiel in Rumänien artenreichste Urwälder.
Wirtschaftliche und politische Zusammenhänge  – und auch Ungerechtigkeiten – auf unserer Erde werden mir durch Reisen viel klarer, als durch die häufig sehr gefilterten Medienberichte.
“Wo sind jetzt eigentlich die Bösen?” –  habe ich mich auf meinen vielen Reisen durch China und Tibet, in den Iran und auch ganz besonders durch Israel und Palästina gefragt. Ich hatte klare Feindbilder im Kopf und traf dann unterwegs so viele gastfreundliche Menschen und verbrachte magische Stunden in wunderschönen Landschaften mit großartigen Menschen.

Auch die Rolle von Europa und der westlichen Welt, deren Vertreter Südamerika und Afrika in der Kolonialzeit unterjocht und räuberisch ausgeplündert haben und wir alle im Westen bis heute von billigen Rohstoff- und Ressourcen profitieren erschließt sich durch Reisen. Aber man erlebt und sieht  dann auch die vielen großartigen Errungenschaften und Erfindungen des Westens, die weltweit das Leben so vieler Menschen bereichern und auf die ich als “Europäer” durchaus auch stolz bin.
Wieder erlebe ich da Ambiguität und niemals “Schwarz-Weiß”.
Unsere Welt ist zugleich zauberhaft, wunderschön – und schrecklich.

Wofür ich mich aber mit großer Überzeugung persönlich einsetze:
Ich bin dagegen ein Leben mit “Scheuklappen” zu leben. Sich in unserer bequemen weltlichen Konsumwelt einzuigeln und alle Dinge, die “da draußen in der anderen Welt passieren” zu verdrängen.
Reisen – und natürlich dazu ergänzend qualitätsvolle Medienberichte und Bücher (mit möglichst viel Ambiguität) – bieten die Chance unsere Welt so kennen zu lernen und zu erforschen, wie sie ist!
In ihrer ganzen widersprüchlichen, uneindeutigen Vielfalt.

Gute Reisen bieten für mich eine unschätzbar wertvolle Möglichkeit, um die kostbare Vielfalt auf unserer Erde kennen – und wertschätzen zu lernen. Gleichzeitig verursacht das Reisen – vor allem die Fluganreise – viele klimaschädliche Gase.
Also sollten wir sehr achtsam mit dieser wertvollen Ressource umgehen!


 

 

 

Kommentare ( 2 )

  • Gerald Bretterbauer

    Reisen bedutet Hinschauen, hautnah Erleben und über das Erlebte, Gefühlte zu reflektieren.
    Armut gibt es überall in Berlin, Wien, Grammatneusiedel genauso wie in New York, Ägypten, Tibet Indien.
    Armut ist für jeden anders erlebbar, irgendwie als Differenz zu seinem Lebensstandard.
    Armut ist oft sehr wenig haben, Elend ist dann Mangel an über-lebens-notwendigen Dingen.

    Wenn man “echt” reist und wirklich in ein Land eintaucht wird man vieles differenzierte sehen. Vor allem aber das eigene Leben. Man wird erkennen, dass Ursachen für die Armut oft Ursachen haben in der Kolonialisierung und Ausplünderung durch unsere Vorfahren, aber auch in der heutigen Ausplünderung durch unseren Wohlstand, manchmal fast schon Sucht und Gier nach Dingen. Geiz ist geil – der unheilbringendste Satz der Neuzeit.

    Ja, wir sollen Reisen, damit wir selbst zufriedener mit unserem Leben werden, damit wir Zusammenhänge verstehen und damit wir erkennen wo wir unser Leben verändern müssen um ein “gerechteres” Leben hier in unserem Wohlstand zu führen. Etwas Verzicht im Alltag tut uns allen vor allem für uns selbst gut.

    Aber wir müssen anfangen bewusst zu Reisen, vor allem was Flugreisen betrifft, ein Weekendtrip nach Barcelona, mal schnell mit dem Billigflieger nach London,…. das ist kein Reisen wo man all das oben Beschriebene erlebt, das ist Sucht nach Kick, Geschwindigkeit und Unruhe.
    Wer bewußt reist soll sich ein gedanlkliches kleines privates “CO2 Sparbuch” anlegen. Er soll im Alltag bewusster und umwelfreundlicher leben und dann, wenn er sein persönliches CO2 Guthaben angespart hat eine wohl überlegte Flugreise machen.

    Ich schreibe euch das von Madeira, einer Insel im Atlantik, die zu Portugal gehört ich habe mit meiner Familie 12 Zimmer für Gäste, lebe also vom Tourismus! Aber ich möchte auch dass meine Gäste die zu mir kommen sich bewußt sind das es nicht unbedingt die goldene Frequent Flyer Karte ist, die es zu erstreben gibt.

    Urlaub tut der Seele und dem Körper gut !

    Danke lieber Christian für deine permanenten Anregungen , dein Gerald Bretterbauer

    • Christian Hlade
      Christian Hlade

      Danke lieber Gerald für Deine wertvollen Gedanken – das ist inspirierend und “zum Nachdenken anregend”!

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