Ende November 2104 wurde ich von den LeserInnen der Kleinen Zeitung zum „Weltsteirer des Jahrzehntes“ gewählt. Eine Auszeichnung, die mich ECHT SEHR GEFREUT hat!
Nach der Ehrung erschien nachstehendes Interview mit Kleine Zeitung – Redakteur Karl Höfler als Titelgeschichte des Wirtschaftsmagazines „Primus“:

Grazer Weltvermesser

Christian Hlade hat vor 15 Jahren Weltweitwandern gegründet.
Seine Kunden sind seither vier Mal zum Mond gewandert.

Ewige Suche

INTERVIEW: KLAUS HÖFLER

Es muss nicht immer eine Trekkingtour im Himalaja oder durch Marokko sein. Eine kleine Wanderung im Grazer Hügelland tut’s für Christian Hlade auch, um Distanz zum Alltag, Nähe zur Natur und neue Ideen zu finden.

Findet man beim Reisen den Sinn des Lebens?
Christian Hlade: Puh …

Oder ist Reisen der Sinn des Lebens?
Hlade: Das sind schwierige Fragen. Man glaubt, den Sinn auf Reisen leichter zu finden. Tatsächlich kommt man ihm zwar oft nahe, aber ob man ihn entdeckt? Reisen ist zwar euphorisierend, aufkratzend – es bewegt viel. Aber immer nur Reisen geht nicht, immer nur Eindrücke aufzunehmen ist irgendwann auch zu wenig. Man braucht schon Zeit und Platz, um sie zu verarbeiten und daraus etwas zu machen.

Was machen Sie damit? Was ist Reisen für Sie?
Hlade: Ein Referenzrahmen, um das Eigene mit etwas Anderem, Fremden vergleichen zu können. Wenn man länger in Österreich ist, nimmt man Sachen ja häufig ernster, als es einem guttut. Wenn man wegfährt, dann relativiert sich vieles. Die „großen“ Probleme in Österreich werden plötzlich ziemlich klein.

Passt die weite Welt nicht in die Enge des Alltags?
Hlade: Das Zurückkommen ist mir zu Beginn schon hammerschwer gefallen. Wegfahren ist Aufregung, Vorfreude. Beim Zurückkommen bin ich dagegen in einigermaßen große Löcher gefallen. Da hat es mich regelmäßig zerlegt. Weltweitwandern zu gründen hat mich diesbezüglich „gerettet“, weil ich daran weiterarbeiten konnte.

Die Unternehmensgründung liegt 15 Jahre zurück. Den entscheidenden Funken, es zu tun – gab es den?
Hlade: Meine ersten Visionen waren klar: Ich wollte beruflich nichts Langweiliges machen, sondern etwas, was mir Spaß macht. Daraus ist eine längere Suche geworden. Bei meiner ersten Idee – Reiseschriftsteller werden, Hemingway sein – habe ich schnell gemerkt, dass es mir an der notwendigen Begabung fehlt. Dann gab es die Möglichkeit, über Diavorträge ein bisserl Geld zu verdienen. Aber nach einer gewissen Zeit ist mir das nicht mehr geglückt. Da bin ich irgendwann gescheitert. Mir sind die starken Aufhänger ausgegangen. Zudem ist das Tourneeleben als One-Man-Show durch diverse Landgasthäuser ziemlich zäh. So habe ich mein Studium beendet und immer wieder im Architekturbüro gearbeitet. Das war mein Plan B. So eine Zwei-Wege-Strategie halte ich für wichtig, wobei ich mir im Architekturbüro schon gedacht habe: Puh, war’s das jetzt? Dann war ich nebenberuflich in meinem Urlaub Reiseleiter. So ist diese Türe aufgegangen.

Ist es in Österreich leicht, unternehmerisch tätig zu werden?
Hlade: Da könnte ich jetzt eine Wirtschaftskammerbeschimpfung starten – weil in meinem Fall war das ziemlich dornig. In Deutschland kann man als verunglückter Geograf oder Architekt am nächsten Tag mit einer einfachen Anmeldung einen Reiseveranstalter gründen. Dadurch gibt es viel mehr kleine Trommel-, Frauen- und botanische Reisen, die als Humus für eine lebendigere Szene dienen. Bei uns wird der Markt dagegen systematisch von der Wirtschaftskammer kontrolliert. Ein Junger mit ein, zwei Reisegruppen wird nicht akzeptiert, es gibt strengere Haftungsvorschriften und man braucht höhere Bankgarantien als in Deutschland. Das schaffen Start-ups nicht.

Umgekehrt schützt Sie dieses System aber vor unlauteren Mitbewerbern.
Hlade: Ja, kurios. Mittlerweile nützt es mir sogar, weil es, sobald man eine gewisse Größe erreicht hat, die Konkurrenz auf unnatürliche Weise von einem fernhält. Ich mag es aber trotzdem nicht.

Hat es im Vergleich zu den ersten Jahren auch bei den Kunden spürbare Veränderungen gegeben?
Hlade: Da gibt es ein wechselseitiges Entwickeln. Am Anfang hat man ganz spannende, coole Kunden, weil sie jemandem vertrauen, den keiner kennt. Keiner weiß, was man tut und wie gut man ist – also sind auch die Kunden Pioniere. Jetzt sind wir in der guten Position, dass die Kunden schon wissen, was Weltweitwandern tut, macht, kann und anbietet. Damit haben wir einen bestimmten Ruf und ziehen eine ganz bestimmte Klientel an. So richtige „Mir ist alles wurscht“-Typen buchen nicht bei uns. Wenn ein Unternehmen älter und reifer wird, bekommt man eben jene Kunden, die man verdient (lacht).

Zuletzt wurden viele Destinationen aus dem Katalog genommen. Reduktion als Mittel zur Expansion?
Hlade: Ich hatte bemerkt, dass wir die Marke verwässern. Als kleine Firma ist es deine einzige Chance, erkennbar zu bleiben, indem du in einem Segment der Beste bist. Wenn das Angebot aber zu breit wird, wird es gefährlich, weil man in eine Beliebigkeit abrutscht. Wenn die Firma klein ist, ist sie sehr man selbst. Wenn sie größer wird, bekommt sie eine Eigendynamik, auf die man auch achten muss. Weltweitwandern ist mittlerweile etwas, was nicht nur mir gehört, sondern es ist etwas, was ich mit den Mitarbeitern und Gästen teile.

Wäre ein Verkauf des Unternehmens eine Option?
Hlade: Bis vor zwei Jahren hätte ich gesagt, niemals. Mittlerweile bin ich entspannter. Wenn mir eine Perspektive bleibt und die Idee in einen größeren Rahmen gesetzt wird, warum nicht?

Wie gehen Sie mit dem Thema Nachhaltigkeit um?
Hlade: Es ist mir zu schwammig geworden.

Weil es zu unehrlich ist?
Hlade: Auch. Weltweitwandern bedeutet, weltweit unterwegs zu sein. Das geht nur mit dem Flugzeug. Ob das noch nachhaltig ist? Ich mag mich nicht selbst anlügen. Wir sind aber sehr fair, arbeiten mit lokalen Guides zusammen, können tolle Begegnungen zwischen Kulturen organisieren, Menschen zusammenbringen – dort liegen unsere Stärken. Ständig den CO2-Ausstoß des Fliegens argumentieren zu müssen, ist mir irgendwann zu langweilig geworden, weil ich dafür auch keine Lösung parat habe.

Man könnte sich ja auf Ziele beschränken, zu denen man mit dem Zug anreisen kann.
Hlade: Schon, aber ich mache Weltweitwandern. Und ich stehe auch voll dazu.

Sie haben sich früher intensiv für das Modell der Gemeinwohlökonomie engagiert. Und heute?
Hlade: Ich habe den Glauben an diese Vision verloren. Die Gemeinwohlökonomie überfordert mich, mein Unternehmen und die Funktion, die wir haben. Mit meiner kleinen Firma in Österreich die ganze Welt zu verbessern – das ist zu viel. Da überhebe ich mich. Und der Ansatz „Wenn alle mitbestimmen, wird alles gut“ war mir irgendwie zu „kommunistisch“. Ein Unternehmen braucht eine gute Mannschaft, aber auch jemanden, der Entscheidungen trifft. Zu viel diskutieren und mitbestimmen kann eine Firma langsam machen. Man braucht einen Macher und Entscheider.

Gibt es die in Österreich?
Hlade: Es könnte ein bisschen mehr davon geben. Dieses unternehmerische Sich-Trauen und etwas anzugehen ist irgendwie nicht sehr österreichisch. Ich vermisse es zumindest. Freilich ist es kein einfacher Weg, es gibt immer wieder Verirrungen oder ein Hinfallen, aber wichtig ist, dass man die Energie findet, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Ich will anderen Mut machen, auch etwas anzugehen.

Gibt es irgendwann ein Ankommen?
Hlade: Nein. Man fällt nicht als Unternehmer mit allen wunderbaren Fähigkeiten vom Himmel. Es gibt ein ständiges Suchen und Lernen. Man ist ständig am Persönlichkeits- und Unternehmensentwickeln. Gerade als Unternehmer ist man ja auch Vorbild. Nicht nur fachlich, auch menschlich zu wachsen ist wichtig.

Die Suche hört nie auf?
Hlade: Nein. Das macht’s ja spannend.

Christian mit Ehefrau Carmen in Petra / Jordanien
Christian mit Ehefrau Carmen in Petra / Jordanien

WELTWEITWANDERN

Christian Hlade gründete das Unternehmen im Jahr 2000.
Heute beschäftigt er zehn Mitarbeiter und kooperiert mit rund 500 lokalen Guides in den jeweiligen Reisezielländern. 57 Länder hat Weltweitwandern im Programm.
3000 Kunden in 400 Gruppen hatte man 2014.
Sie sind hochgerechnet 225.000 Kilometer gewandert.

Hlade über…

. . . Graz
Ich liebe diese Stadt. Sie ist ein kreatives Biotop. Aber die internationalen Verkehrsanbindungen sind schlecht.

. . . All-inclusive-Strandurlaube
Wären eine Horrorvision für mich. Zwei Wochen am Meer, ohne Bewegung – da werde ich ganz matschig im Kopf.

. . . Midlife-Crisis
Ich war überarbeitet, erschöpft, hatte viele Ziele erreicht, Verantwortung für immer mehr Mitarbeiter – was blieb, war die Frage: Und jetzt? Ich habe mich dann eine Zeit lang zurückgenommen.


 

 

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *